Von Prof. Dr. Harald Ansen
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg
Fakultät Wirtschaft und Soziales
Department Soziale Arbeit

Rund 6,4 Millionen Menschen in etwa 3,2 Millionen Haushalten sind heute von Überschuldung betroffen. Damit sind vielfältige finanzielle, soziale, persönliche und gesundheitliche Risiken verbunden. Die Auswirkungen einer Überschuldung reichen bis zu existenziellen Problemen, wie sie beispielsweise mit Energieschulden verbunden sind. Energieschulden werden wegen ihrer Bedeutung für die Sicherung elementarer Lebensgrundlagen auch als Primärschulden bezeichnet. Es kann niemand kalt lassen, wenn Menschen wegen einer schuldenbedingten Einstellung der Energielieferung in ihren Wohnungen frieren, auf warmes Wasser verzichten müssen oder sich keine Mahlzeiten mehr zubereiten können.

Die Soziale Schuldnerberatung mit ihren rechtlichen, kaufmännischen, ökotrophologischen und sozialarbeiterischen Arbeitsansätzen unterstützt Betroffene gegenüber Energieversorgungsunternehmen, um eine Liefersperre zu vermeiden oder nach einer Unterbrechung der Strom- oder Gaslieferungen für eine rasche Neuaufnahme zu sorgen. In Verhandlungen mit den Energieversorgungsunternehmen werden die Rechte der Kunden wahrgenommen, etwa wenn die Unterbrechung der Lieferung nach der Strom- oder Gasgrundversorgungsverordnung unverhältnismäßig ist. Durch die Erarbeitung von Tilgungsoptionen oder auch die Erschließung von Sozialleistungen zur Begleichung der Energieschulden werden die Voraussetzungen für eine Wiederaufnahme der Energielieferung geschaffen. Die Soziale Schuldnerberatung trägt an dieser Stelle zur Sicherung menschenwürdiger Lebensbedingungen der Betroffenen bei. Sie erfüllt damit ein elementares Anliegen des Sozialstaates. Ohne die Soziale Schuldnerberatung würde die Umsetzung des Sozialstaatsprinzips in diesem sensiblen Bereich noch weniger gelingen.

Die Soziale Schuldnerberatung erreicht mit ihrer gegenwärtigen Ausstattung nur rund 15 Prozent der von einer Überschuldung betroffenen Menschen. Trotz dieser geringen Quote kommt es vielerorts zu monatelangen Wartezeiten in der Schuldnerberatung. Um besondere Härten abzuwenden, wie sie mit Miet- und Energieschulden für die Betroffenen verbunden sind, bieten viele Beratungsstellen eine sehr kurzfristige Not- oder Krisenberatung an. Diese verdienstvolle Reaktion auf akute Probleme beansprucht Zeit und ein hohes Maß an Flexibilität in der Beratungspraxis. Die Finanzierung dieses Beratungssegmentes ist häufig problematisch. Es kommt vor diesem Hintergrund nicht nur darauf an, die Schuldnerberatung angemessen auszustatten – die gegenwärtig rund 1000 Beratungsstellen in Deutschland reichen nicht annähernd aus, um das Problem der Ver- und Überschuldung zu lösen -, sondern auch die Finanzierungsbedingungen der Schuldnerberatung zu überdenken.

Unter den teilweise restriktiven Finanzierungsregelungen und dem permanenten ökonomischen Druck, dem Schuldnerberatungsstellen ausgeliefert sind, wundert es nicht, dass heute in vier von fünf Fällen die Schuldnerberatung auf eine vergleichsweise gut abrechenbare Insolvenzberatung verengt wird. Die Soziale Schuldnerberatung braucht Räume, die es ihr erlauben, auf Ratsuchende einzelfallbezogen einzugehen. Wenn Energieschulden aufgelaufen sind, die häufig erst am Ende einer Überschuldungskarriere gemacht werden, liegen dahinter in der Regel eine Fülle weiterer Probleme, die sensibel aufgegriffen werden müssen, um Menschen wirtschaftlich und persönlich wieder zu stabilisieren. Nur so können kurzfristige Erfolge in der Sozialen Schuldnerberatung gefestigt werden.

Die Soziale Schuldnerberatung kann viel mehr, als sie unter den obwaltenden Rahmenbedingungen leistet. Sozialpolitisch verdient die Soziale Schuldnerberatung nicht nur eine verbale, sondern auch eine materielle Anerkennung, die es ihr gestattet, im Interesse vielfältig und existenziell belasteter Menschen ihre vorhandenen und methodisch ausbaufähigen Potenziale einzusetzen. Das sozialstaatliche Versprechen, allen Menschen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, das auch an eine soziale Teilhabe gebunden ist, verlangt eine dafür geeignete soziale Infrastruktur, in der die Soziale Schuldnerberatung einen prominenten Platz einnimmt.