Statement der Schirmherrin Prof. Dr. Rita Süssmuth zur Aktionswoche Schuldnerberatung 2012 „Alter-Armut-Schulden“

Armut und Überschuldung bei älteren Menschen drohen in unserer Gesellschaft zu einem wachsenden Problem zu werden. Die Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände hat dieses Problem zum Thema der von ihr initiierten Aktionswoche Schuldnerberatung im Jahr 2012 gemacht. Gerne habe ich daher die Schirmherrschaft für die diesjährige Aktionswoche übernommen.

Alle einschlägigen Befunde und Analysen weisen darauf hin, dass sich die Einkommenssituation von Rentnerinnen und Rentnern in den nächsten Jahrzehnten verschlechtern wird. Besonders niedrig Entlohnte, prekär Beschäftigte und Menschen mit vielen Unterbrechungen ihrer Erwerbsbiographie werden von Armut und Überschuldung im Alter betroffen sein – und dies sind mehrheitlich Frauen. Das hängt u.a. mit Benachteiligungen von Frauen am Arbeitsmarkt zusammen. Frauen werden für die gleiche Arbeit immer noch deutlich niedriger entlohnt als Männer. Auch der Wiedereinstieg von Frauen ins Erwerbsleben nach Erziehungs- oder Pflegezeiten ist oft schwierig und mit Lohneinbußen verbunden. Zudem sind viele Frauen zu Unterbrechungen ihrer Erwerbsbiographie gezwungen, weil sie keine Wahlfreiheit zwischen Beruf und Familie haben angesichts viel zu weniger Kitaplätze. Tendenziell niedrigere Entlohnung und Erwerbsarbeitspausen führen zu relativ niedrigen Rentenansprüchen, weil es sozialversicherungsrechtlich in der Rentenversicherung nur völlig unzureichende Kompensationsregelungen für Frauen gibt.

Wirtschaft und Politik sind also dringend aufgefordert mit strukturellen Maßnahmen gegenzusteuern. Für viele Menschen kommen solche Maßnahmen allerdings schon zu spät. Die Schuldnerberatungsstellen berichten von einem gestiegenen Anteil an Rentnerinnen und Rentern in der Beratung, die bereits arm und überschuldet sind. Für diese Menschen entscheidet Höhe und Ausgestaltung der staatlichen Grundsicherung, ob sie gesellschaftlich angemessen teilhaben können und ob sie auch im Alter in Würde leben können.

Der Staat muss im Rahmen seiner Daseinsfürsorge die gemeinnützige Schuldnerberatung finanziell so ausstatten, dass alle Ratsuchenden qualifizierte Hilfe erhalten. Dabei ist zu beachten, dass Beratungsprozesse bei älteren Menschen zeitintensiver sind. Des Weiteren muss die Schuldnerberatung mehr aufsuchende und vernetzte Arbeit leisten. Denn viele Rentnerinnen und Rentner kommen aus Scham nicht aus eigenem Antrieb in eine Beratung oder sind aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr mobil genug.

Eine zunehmend wichtige Aufgabe der Schuldnerberatung ist die Prävention. Menschen am Übergang vom Erwerbsleben ins Rentnerdasein müssen darauf vorbereitet werden, dass sie wegen des abgesenkten Rentenniveaus weniger Geld zur Verfügung haben und mit ihrem geringeren Budget entsprechend wirtschaftlich handeln müssen. Die Schuldnerberatung hilft dabei nicht nur den Betroffenen. Sie vermeidet auch soziale Folgekosten für den Staat, die aus unbearbeiteten Armuts- und Überschuldungsprobleme resultieren.

 

Prof. Dr. Rita Süssmuth