„Hilfe, mein Haus brennt! Schicken Sie bitte schnell die Feuerwehr!!!“

„Gerne, wir geben Ihnen einen Termin in 16 Monaten, leider sind alle unsere Einsatzkräfte bis dahin ausgebucht….“

Was bei der Feuerwehr undenkbar ist, gilt leider für die Situation der meisten Schuldenberatungsstellen der Verbände in Deutschland: es brennt – und die Betroffenen müssen monatelang, manchmal noch länger, auf Hilfe warten. Oder sie bekommen gar keine Hilfe, weil sie den Beratungskriterien nicht entsprechend. Dabei ist den Beratungsstellen kein Vorwurf zu machen – sie tun alles, was sie können.

Neben dem gigantischen volkswirtschaftlichen Schaden, den diese Situation verursacht, ist dies vor allen Dingen für die Menschen die Hilfe brauchen, ein unerträglicher Zustand. Das stellen wir immer wieder in unseren Gesprächen mit Betroffenen fest – wir, dass sind die ehrenamtlich tätigen Mitglieder des  BV INSO – Bundesverband Menschen in Insolvenz & neue Chancen e.V. Der Verband wurde 2009 gegründet. Der gemeinnützige Verein ist Träger der Gesprächskreise Anonyme Insolvenzler, der größten Selbsthilfegruppe von Menschen in Insolvenz mit Regionalgruppen in neun deutschen Städten. Hier helfen Betroffene sich gegenseitig – kostenlos, anonym und im geschützten Rahmen. Wir wissen aus eigenem Erleben, was es heißt, wenn man endlich den Schritt gemacht hat, sich an eine Schuldnerberatungsstelle zu wenden, weil der Druck der Schulden nicht mehr auszuhalten ist. Und dann erfährt, dass man monatelang auf einen Termin warten muss, weil die Beratungsstellen völlig überlastet sind. Wenn wertvolle Zeit verloren geht, bis es oft zu spät ist, die Insolvenz abzuwenden. Wir stellen in unseren Treffen immer wieder fest: wer rechtzeitig Beratung bekommt, kann in vielen Fällen eine Insolvenz vermeiden. Für viele Menschen ist die Insolvenz eine Katastrophe – sie wollen sie verhindern. Doch was tun, wenn man in seriösen Beratungsstellen keinen Termin bekommt, wenn es brennt?

Insolvenzen vermeiden – Verantwortung übernehmen – Perspektiven entwickeln

Viele Schuldner wenden sich hilfesuchend an den BV INSO um eine Unterstützung in Ihrer Situation zu bekommen – hier organisieren sich Betroffene und helfen sich gegenseitig. Wir können – und wollen – keine Schuldner- und Rechtsberatung anbieten. Wir helfen, indem wir den Raum schaffen, über seine emotionale Situation reden zu können, hören zu und können Orientierung geben. Dieses Angebot  wird immer mehr auch von Menschen wahrgenommen, die vor einer drohenden Insolvenz stehen. Unser Angebot ersetzt auch nicht eine Schuldnerberatung – im Gegenteil: wir ermutigen die Teilnehmer vor dem Hintergrund unserer eigenen Krisenerfahrung, sich ihrer Situation zu stellen, aktiv zu werden und sich geeignete Hilfe zu holen. Sei es bei guten Schuldnerberatungsstellen, Fachanwälte, Therapeuten oder Experten, die von unseren Mitgliedern empfohlen werden. Umso wichtiger ist es, dass die Schuldnerberatungsstellen dann auch zeitnah helfen können, wenn die Schuldner endlich bereit sind, ihre Situation zu regeln.

Deshalb fordern wir:

  • Schuldnerberatungsstellen müssen personell, finanziell und qualitativ so ausgestattet werden, dass sie ihrer Aufgabe zeitnah gerecht werden können
  • das Schuldnerberatungsstellen in die Lage versetzt werden, die Schuldner nicht nur bis zur Antragstellung zu begleiten, sondern bis zum Abschluss des Insolvenzverfahrens – viele Fragen und Probleme entstehen erst im Laufe des Verfahrens (insolvenzbedingte Kündigung der Arbeitgeber, Schuldner werden obdachlos und bekommen aufgrund ihres Insolvenzstatus keine neue Wohnung bzw. kein Bankkonto und werden am Arbeitsmarkt diskriminiert. Schulden machen krank – psychische Probleme und Burn Out lösen sich nach Antragsstellung nicht in Luft auf – die Menschen brauchen auch im Verfahren Unterstützung, um den Neustart zu schaffen)
  • Ausbildungsangebote für Schuldner zur Erlangung von Finanzkompetenz zur Vermeidung eines „Drehtüreffektes“ nach ihrer Insolvenz. der Nachweis darüber sollte unserer Meinung nach das Kriterium sein, dass die Verfahrensdauer auf 1 Jahr verkürzt wird
  • transparente und messbare Qualitätskriterien für Schuldnerberatungsstellen, nach denen alle – auch die gewerblichen – Schuldnerberatungsstellen als geeignete Stelle zertifiziert und zugelassen werden. Entsprechend sollte die Berufsbezeichnung „Schuldnerberater“ gesetzlich geschützt sein und mit einer Zertifizierung verbunden sein
  • ein koordiniertes Programm zur Schaffung von Finanzkompetenz – Präventionsarbeit schon an Schulen und Angebote besonders für junge Menschen
  • eine neue Insolvenzkultur in Deutschland – Insolvenz darf kein Stigma mehr sein – wer gescheitert ist und aus seinen Fehlern gelernt hat, braucht eine 2. Chance zum Neustart. Dazu gehört auch die Abschaffung des dreijährigen SCHUFA Eintrages nach Erteilung der Restschuldbefreiung
  • auf EU Ebene fordern wir eine Angleichung der Verfahrensdauer von Insolvenzverfahren. Es ist nicht nachzuvollziehen, warum ein Schuldner in England nach einem Jahr rechtskräftig entschuldet ist und ein Schuldner in Deutschland erst nach 6 Jahren. Neben dem Effekt, dass Schuldner durch eine verkürzte Laufzeit schneller wieder am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, werden Gerichte und Verwalter entlastet, wenn die Verfahren verkürzt werden
  • auf politischer Ebene brauchen wir eine koordinierte, konzentrierte Aktion, um Überschuldung und Armut abzuschaffen – dies bedarf einer starker Interessensvertretung der Verbände, um sich gegen die Lobbygruppen der Banken und Wirtschaft zu behaupten – der BV INSO bietet hierzu seine Mitarbeit an.

Zur Person:

Attila von Unruh gründete im Herbst 2007 den ersten Gesprächskreis ‘Anonyme Insolvenzler’. Zwei Jahre zuvor musste er als Unternehmer Insolvenz anmelden, nachdem ein großer Kunde zahlungsunfähig geworden war. Inzwischen ist die Initiative die größte deutsche Selbsthilfegruppe von Menschen, die von Insolvenz betroffen sind. Er ist Vorsitzender des  gemeinnützigen Trägervereins BV INSO – Bundesverband Menschen in Insolvenz und neue Chancen e.V. , der zahlreiche Projekte zur Unterstützung von Betroffenen vor, in und nach der Insolvenz organisiert.

Attila v. Unruh wurde mit dem Deutschen Engagementpreis 2010 ausgezeichnet.

 

Weitere Informationen:

admin am 23. April 2011 | Kategorie