Moderne Gesellschaften treiben ihr Wachstum kreditgestützt voran. Für Verbraucher bedeutet ein Kredit immer, das biographische hier und jetzt, so wie es ist, in die Zukunft zu verlängern oder noch optimistischer, heute in eine bessere Zukunft zu investieren.

Diese Kontinuitätsidee moderner Biographien aber erweist sich als immer störungsanfälliger, Ehen werden nicht mehr im Himmel geschlossen, Arbeitsverhältnisse auf Lebenszeit bleiben die Ausnahme, allein schon die Geburt eines Kindes kann die finanziellen Rahmenbedingungen entscheidend verändern. Darüber hinaus bringt uns die Gegenwartsgesellschaft mit all ihren Möglichkeiten und ihrer Komplexität das Risiko in den Alltag, schlicht und einfach den Überblick über eingegangene Verpflichtungen zu verlieren.
So scheitern Kreditbiographien, ein Scheitern, das im Selbstverständnis moderner Gesellschaften nicht auf Dauer gestellt sein darf. Folgerichtig hat der Gesetzgeber in der Insolvenzordnung natürlichen Personen, also Verbrauchern, die Möglichkeit eingeräumt, in einem geregelten Verfahren die Voraussetzungen für einen Neuanfang zu schaffen.

In Deutschland wurden seit Einführung dieses „Privatkonkurses“ in der Insolvenzordnung im Jahr 1999 rund eine dreiviertel Million Verbraucherinsolvenzverfahren eröffnet.

Laut InsO hat zuerst ein zwingend vorgeschriebener und von einer geeigneten Stelle (i. d. R. einem Anwalt oder einer Schuldnerberatungsstelle (§305, Abs. 1, Satz 1)) zu bescheinigende Versuch einer außergerichtlichen Einigung zwischen Schuldner und Gläubiger zu erfolgen. Hier schreibt die Insolvenzordnung zwangsweise Beratung für die Schuldner vor.

Nach unseren Untersuchungen werden 3/5 der Betroffenen von gemeinnützigen Beratern vor Eröffnung des Verfahrens beraten, 2/5 von gewinnorientierten Stellen.
Man kann also davon ausgehen, dass rund 400000 Verbraucher von gemeinnützigen Schuldnerberatern ins Verbraucherinsolvenzverfahren begleitet wurden.

Allein diese Zahl belegt die Bedeutung der Schuldnerberatung für die Entschuldung von wirtschaftlich gescheiterten Verbrauchern, unsere letzte Studie zeigt darüber hinaus noch weiteren Beratungsbedarf, der eine Kürzung der Mittel für Schuldnerberatung absurd erscheinen lässt.

Nach § 305 InsO endet die vorgeschriebene Beratung mit dem Nachweis eines außergerichtlichen Einigungsversuchs. Allerdings gaben 35 % der Befragten unserer Untersuchung nach vier Jahren im Insolvenzverfahren an, sie hätten wieder Kontakt zu ihrem Berater gehabt. Ein Jahr nach Beginn der sechsjährigen „Wohlverhaltensphase“ auf dem Weg zur Restschuldbefreiung waren dies nur halb so viel Betroffene – der vom Gesetzgeber nicht in Rechnung gestellte Beratungsbedarf steigt also im Laufe des Verfahrens dramatisch.

Rund die Hälfte der Betroffenen berichtet bis zu drei Kontakte mit dem Berater nach Eröff-nung des Verfahrens, jeder Achte dieser Befragten aber mehr als zehn Kontakte: diese überschuldeten Verbraucher benötigen auch in der sechsjährigen „Wohlverhaltensphase“ massiv kompetente Hilfe. Rund 1/3 der Befragten hat also wieder Kontakt zum Berater aufgenommen – warum aber hat der Rest, immerhin fast 2/3 der Betroffenen ihren Berater nicht mehr aufgesucht?

Immerhin hatten 70 % von den Befragten, die nach Verfahrenseröffnung keinen Berater mehr kontaktierten, nach eigenem Bekunden auch keine Beratung mehr nötig. Die restlichen 30 % hätten wohl weitere  Beratung in Anspruch genommen, wäre sie denn verfügbar gewesen – explizit und dringlich äußern sich in dieser Art und Weise 18 % aller Betroffenen!

Zusammenfassend: Nach Eröffnung des Verbraucherinsolvenzverfahrens ist keine weitere Hilfestellung mehr für die Betroffenen vorgesehen. Tatsächlich zeigen die Daten, dass nicht jeder Betroffene Hilfe in der Wohlverhaltensphase braucht, im Laufe der Zeit aber jeder zweite! Wie wir zeigen konnten waren nur – oder eigentlich immerhin -  2/3 der Betroffenen in der Lage, diese Hilfe und Beratung auch zu erhalten – der Gesetzgeber hat hier, wie bereits erwähnt, keine Beratung vorgesehen. Für den Rest gilt: Es können offensichtlich nur zu wenig Kapazitäten vorgehalten werden!

Vor diesem Hintergrund wird klar, dass die Schuldnerberatung im Bereich der Betreuung von Schuldnern im Insolventverfahren strukturell dramatisch unterfinanziert ist. Mehr, nicht weniger Beratungskapazität muss vorgehalten werden!

Zum Schluss noch ein Wort in eigener Sache: Wir forschen seit 15 Jahren zu Thema Verbraucherüberschuldung. Ohne die Schuldnerberatung gäbe es keine wissenschaftliche Aufarbeitung dieser Problematik!

 

Dr. Götz Lechner (L2EMG)
Tecnhische Universität Chemnitz,
Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften
Allgemeine Soziologie II
Arbeitsgruppe “Soziale Ungleichehit und Überschuldung”

admin am 23. Mai 2011 | Kategorie